Franziska Klinge
„Wie wird er Sich aber wohl Weihnachten freuen über sein Schaukelpferd und Alma über Ihre Puppe“, schreibt der deutsche Soldat August Jasper am 19. Dezember 1916 aus Douaumont – der größten Verteidigungsanlage des französischen Festungsgürtels um Verdun – an seine Frau Bernhardine. „Ja Herz, ich sähe es gerne, die Begeisterung dann von Alma.“[1] Mögen diese Worte so kurz vor dem Weihnachtsfest auch nicht verwundern, so hatte dieses für Jasper inmitten des Ersten Weltkrieges doch eine besondere Bedeutung. Denn über alle vier Kriegsjahre hinweg wird Weihnachten in fast jedem Brief von ihm thematisiert, den er zwischen Mitte November und Anfang Januar schreibt. Weihnachten ist für Jasper ganz unmittelbar mit der Heimat verbunden. Dies wird besonders in seinen Briefen aus dem ersten Kriegswinter von 1914 deutlich:
„Erst vorher glaubte ich, daß ich mich an dem Weihnachtsbaum noch mal recht freuen könnte, als aber die Zeit kam da fehlte mir doch etwas, nämlich Ihr Lieben zu Hause, und da sind auch mir wieder beim Glanz des Weihnachtsbaumes die Tränen über die Wangen gerollt.“[2]
Seine Tränen sind insofern bemerkenswert, als Jasper an nur einer anderen Stelle in seinen insgesamt 961 Briefen und Feldpostkarten davon schreibt, geweint zu haben.[3] Offensichtlich verbindet er mit dem Weihnachtsfest tiefe Gefühle. Auch in Briefen, die der Historiker Nikolaus Buschmann im Kontext seiner Arbeiten zu Kriegserfahrungen in der Moderne untersuchte, scheint Weihnachten etwas Besonderes für viele Soldaten gewesen zu sein: „Man fühle sich ,versetzt in den Kreis seiner lieben in der Heimat‘, dabei ziehe ‚manch schöner Traum… an einem vorüber‘.“[4]
In August Jaspers Briefen zeigt sich dieser über alle Kriegsjahre hinweg als ein gläubiger Mensch, der in Gottes Wirken vertraut. An keiner Stelle äußert er, was seinen tiefen Glauben anbelangt, mögliche aufkommende Zweifel.[5] Doch obwohl er gerade auch in seinen Weihnachtsbriefen regelmäßig von Gott schreibt, steht in diesen nicht das Fest der Geburt Jesu Christi im Vordergrund. Es ist vielmehr Gott als Allmächtiger, der den Krieg beenden und Jasper wieder in die Heimat führen wird. Es ist die Sehnsucht nach dieser und nach seiner Familie, die angesichts der Feiertage zum dominierenden Thema wird.
Dies wird auf mehreren Ebenen deutlich: Schreibt Jasper über Weihnachten, so stehen die Geschenke thematisch an erster Stelle. Mit Buschmann lässt sich das wie folgt erklären:
„Zu Weihnachten verdichtete sich das Bedürfnis, vertraute Lebensgewohnheiten in einen Kriegsalltag hinüber zu retten, der diese ständig durchbrach.“[6]
Häufiger noch, als Jasper sich nach den Festtagen in der Heimat erkundigt, berichtet er über eigene Planungen oder Erlebnisse.[7] Weihnachten nimmt in Jaspers Gedanken offenbar auch deshalb so viel Raum ein, weil es für ihn etwas Vertrautes in einer unbekannten, fremden und vor allem nicht planbaren Welt darstellt.


Dieser Eindruck wird noch durch einen weiteren Faktor verstärkt. Denn neben den Geschenken und dem Weihnachtsfest an der Front fungiert dieses auch als wichtiger zeitlicher Orientierungspunkt. Im grauen Kriegsalltag scheint ein Tag wie der andere zu sein. Wiederholt schreibt er davon, einen Sonntag nicht mehr von einem Montag unterscheiden zu können.[8] Die Tage bis Weihnachten jedoch werden sorgsam gezählt: „Noch eine vierzehn Tag, dann ist ja auch schon wieder Weihnachten.“[9] Darüber hinaus ist Weihnachten auch ein Ziel und Fixpunkt in seinen Planungen: „Ach mein Lieb wäre doch die Zeit mal da. Sonst das es noch mal wieder Weihnachten wird, ehe Frieden ist das glaube ich nun doch nicht.“[10] Diese Worte schreibt Jasper bereits Ende Mai 1915. Brachte die Heimat im Denken der Soldaten erfüllte Wünsche und Hoffnungen, so war es stets die Heimat der Vorkriegszeit.[11] Besonders Weihnachten als Inbegriff der Freude, frommer Friedlichkeit und Familie stellt ein Idealbild der erträumten Zukunft dar, die unmittelbar an die Vorkriegszeit anknüpfen sollte. Wohl auch aus diesem Grund bringt Jasper ab Beginn der Vorweihnachtszeit 1917 Weihnachten wiederholt mit dem erhofften Kriegsende in Verbindung. Immer häufiger bringt er seine Hoffnung zum Ausdruck, das kommende müsse „das letzte Weihnachten im Felde“ sein.[12]
Anmerkungen und Verweise
[1] August Jasper an Bernhardine Jasper, 19. Dezember 1916.
[2] August Jasper an Bernhardine Jasper, 25. Dezember 1914.
[3] Vgl. August Jasper an Bernhardine Jasper, 25. Januar 1915 (Gottesdienst der eigenen Konfirmation).
[4] Nikolaus Buschmann, „Der verschwiegene Krieg: Kommunikation zwischen Front und Heimatfront“ in: Gerhard Hirschfeld (Hg.), Kriegserfahrungen. Studien zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs. Tübingen 1997, S. 208–224, hier 217.
[5] August Jasper an Bernhardine Jasper, 17. März 1915: „Jedenfalls kommen wir jetzt wieder bei die Franzosen, ich glaube schlechter ist es da auch nicht als hier bei die Engländer. Das schlimmste ist nur das ich dann jedenfalls wieder mit in den Schützengraben muß, aber darüber wollen wir uns noch keine Kopfschmerzen machen, denn der liebe Gott wird uns auch fernerhin nicht verlasse.“
[6] Buschmann, Der verschwiegene Krieg, S. 217.
[7] So beispielsweise in August Jasper an Bernhardine Jasper, 27. Dezember 1915, 9. Dezember 1916, 19. u. 25. Dezember 1917.
[8] August Jasper an Bernhardine Jasper, 28. April 1918.
[9] August Jasper an Bernhardine Jasper, 9. Dezember 1916.
[10] August Jasper an Bernhardine Jasper, 30. Mai 1915.
[11] Aribert Reimann, „Die heile Welt im Stahlgewitter: Deutsche und englische Feldpost aus dem Ersten Weltkrieg“, in: Hirschfeld, Kriegserfahrungen, S. 129–145, hier S. 143.
[12] August Jasper an Bernhardine Jasper, 6., 14., 24. u. 25. Dezember 1917.










![Geschrieben, den 8.6.17 Mein einzig liebes Frauchen! Mein Lieb! Deinen lieben Brief vom 5ten habe ich auch soeben erhalten. Wie ich auch gesehen, geht es Euch noch gut, wie mir auch. Gestern mein Herzchen, sind wir auch wieder umgezogen. Wir sind etwas nach rechts gerückt, das ist eine herum Wanderei, das ist schrecklich. Wenn man sich etwas eingerichtet hat, und man hat einigermaßen ein Dach überm Kopfe, dann heißt es [...] August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 8. Juni 1917; erste Seite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/08/Brief-1-199x300.jpg)
![[...] wieder umziehen, wenn das doch mal bald aufhören würde. Wie ich heute auch in der Zeitung gesehen, haben die Engländer jetzt in Flandern eine Offensive versucht, und schließlich kommen wir da auch noch hin. Wie ich auch aus deinem Briefe gesehen, mußt Du jetzt öfters nach Oßlagen hin, ja mein Liebling es wird dir dann dann ja nicht so langweilig, aber wenn es bei Euch noch so heiß ist, dann ist es ja auch nichts genaues für mein liebes Herzchen. Du schreibst auch mein Lieb, das Auguste Dir auch eine neue Bluse genäht hat, da wird mein Liebling aber wohl fein sein, wenn ich in Urlaub komme. Ach Herzchen könnte ich doch endlich mal fahren, denn es wird mir doch jetzt bald zu langweilig, ach mein Herz, es geht mir auch wie Dir, die Sehnsucht nach Dir mein Liebling und die lieben Kinder ist doch zu groß. Ach mein Lieb wenn ich mal wieder in deinem Schoße schlafen kann. Das ist doch auch zu herrlich, [...] August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 8. Juni 1917; zweite Seite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/08/Brief-2-300x221.jpg)
![[...] nicht wahr? Aber wenn ich gegen den 23ten fahren kann, dann gehen diese vierzehn Tage ja auch noch bald um. Aber wenn man so eine Sehnsucht danach hat, dann ist es doch noch lange. Gestern und heute hat es hier tüchtig geregnet, und es ist auch ziemlich abgekühlt. Sonst meine liebe Seele kann ich Dir heute nicht viel schreiben. Morgen mehr! Und nun liebe Seel verbliebe ich mit viele vielen Herzl Grüßen und Küssen Dein liebes liebes treues Männchen Dein Herzblättchen August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 8. Juni 1917; dritteSeite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/08/Brief-3-186x300.jpg)







!["Meine innigst geliebte Frau und Kinder! Mein liebes Herz! Da ich soeben Deinen Brief erhalten habe, will ich Dir auch gleich wiederschreiben. [...] Was wenn der Krieg mal rum ist, dann kommt noch viel ans Tageslicht. Ja Herz, Du schreibst mit recht, da richtige würdet ihr niemals gewahr, denn die Zeitungen schreiben nur die Verluste der Engländer und Franzosen, aber unsere?.... Wenn nun Italien noch anfängt, dann weiß ich nicht, was es werden wird? Nochmals Gruß und Kuß Dein lieber Mann." August Jasper an seine Frau Bernhadine, erste und letzte Seite des Briefes vom 15. Mai 1915.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/08/Jasper_1915_05_15_Seite1-3-240x300.jpg)

![Zweite Seite des Artikels, dazu Jasper im Brief an Bernhadine: "[D]a kannst Du mal sehen, wie es in Deutschland mit die arme Krüppels gemacht wird."](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/08/Jasper_Zeitungsartikel_1918_01_09_Seite2-166x300.jpg)













![Geschrieben, d 9.12.16 Mein einziger Liebling! Mein Herzchen! Deinen lieben Brief vom 6 habe ich soeben erhalten, und will Dir auch gleich wieder schreiben. Wie ich nun auch aus Deinem Briefchen gesehen, hat sich unser Erich bis jetzt auch noch nicht gebessert. Es ist aber doch gut, das du jetzt zum Doktor gewesen bist, dann weiß man doch ungefähr was e ist. Ich denke aber doch daß es Sich bald etwas bessert, die Haultsache ist wohl, daß er gut in acht genommen wird. Mir mein [...] August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 9. Dezember 1916; erste Seite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/07/Seite-1-196x300.jpg)
![[...] Liebling geht es bis jetzt auch noch gut, nur daß es auch alle Tage wieder so ein schlechtes Wetter ist, Du schreibst dieser Tage auch, daß Du jetzt so viel Glas verkaufst. Ja Herz, da wird es wieder schnell alle sein. Es ist aber doch auch ganz recht, daß Du wieder Kitt bestellt hast, denn ohne dem geht es doch schlecht. Du fragst auch was Du für die zwei Fenster nehmen darfst, die Du da grundiert hast. Mir deucht so 3,20, das doppelte was ich sonst genommen habe, nicht wahr, das ist doch nicht zu viel, für die großen Fenster für Heumann, das weißt Du auch wohl ungefähr, vielleicht so eine Mark. Daß es auch jetzt mehr Unterstützung geben soll, habe ich auch gelesen. Ja Herz, das mag es auch wohl, denn im Winter zieht es in allen Teilen auch viel mehr. Es soll mich auch mal wundern, was wir in diesem Jahr wohl zu Weihnachten bekommen, ob es wohl so viel giebt als voriges Jahr? Noch eine vierzehn Tag, dann ist ja auch schon wieder Weihnachten. Man spricht auch wieder davon, daß wir noch vor Weihnachten hier abgelöst werden [...] August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 9. Dezember 1916; zweite Seite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/07/Seite-2-300x232.jpg)
![[...] sollen, ob es wahr wird? Du mein Liebling schreibst auch Du wollest wieder einreichen um Urlaub, laß es aber vorerst man sein, denn es gient doch keinen, dürfen jetzt auch nur immer sechs Man fahren, wenn das so weiter geht, dann kommen wir überhaupt nicht mehr an die Reihe. Sonst mein Herz wüßte ich Dir auch heute nicht viel zu schreiben, und nun viele viele Herzl Grüße und Küsse von Deinem lieben lieben Mann August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 9. Dezember 1916; dritte Seite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/07/Seite-3-198x300.jpg)







