Leonie Volmer

In der Arbeiterschicht führte die kriegsbedingte Abwesenheit der Männer nicht selten zu einschneidenden Veränderungen in der Familienstruktur, aus der die Frauen zumindest phasenweise gestärkt hervorgingen.[1] Anders war dies hingegen in den bäuerlichen Schichten. Die Frau war schon immer als feste Familienarbeitskraft miteingeplant, das verdiente Geld Familienlohn. Gravierende Änderungen in der Familienstruktur blieben aus, als die Männer in den Krieg zogen und die Frauen mit der Aufgabe, die Familie zu versorgen, zu Hause zurück blieben. Trotz allem fehlte eine Arbeitskraft. Heinrich Echtermeyer verließ sich darauf, dass sein Bruder Bernhard zumindest einen Teil seiner Rolle auf dem heimatlichen Hof in Halverde übernahm, wie aus seinen Briefen deutlich hervorgeht: „[Ich] Bitte Dich, hilf meiner Frau so gut zurecht wie Du kannst.“[2] Solche und ähnliche Wendungen finden sich in seinen Feldpostsendungen immer wieder.

Es ist auffallend, wie häufig Echtermeyer in diesen Briefen und Postkarten an seinen Bruder von seiner Frau schreibt. Er erwähnt sie – meist in Form von „meine Frau“, „sie“ oder „ihr“ – insgesamt 69-mal in 54 Feldpostsendungen. Dies bedeutet allerdings keineswegs, sie wäre in jeder Nachricht Thema. Vielmehr schreibt Echtermeyer wenigstens 23-mal an seinen Bruder, ohne dabei explizit über seine Frau zu sprechen. Doch handelt es sich bei diesen Schreiben größtenteils um eher knapp gehaltene Statusmeldungen via Postkarte, in denen er kurz und bündig von „allen“ zu Hause spricht. Nur 14 der Erwähnungen finden sich in Postkarten, wohingegen 55 in Briefen zu finden sind. In den beiden einzigen Briefen ohne konkrete Erwähnung seiner Ehefrau gerät Heinrich Echtermeyer derart in Rage – zum einen wegen der ihm an die Front gesandten Steuereinschätzung, zum anderen aufgrund einer ausgebliebenen Telegrammsendung nach dem Tod seiner Schwester Maria –, dass er mit seinen Gewohnheiten zu brechen scheint.
Durch Echtermeyers Abwesenheit von Haus und Hof lasten Verantwortung und Arbeit allein auf den Schultern seiner Frau. Die vorher durch ihren Mann übernommenen Aufgaben muss sie nun alleine tragen. Umso mehr bemüht sich Heinrich Echtermeyer jedoch, aus der Ferne den Hof zu leiten. Dabei spannt er seinen Bruder häufig mit ein und erhofft sich von diesem, er möge seiner Frau mit Rat und Tat zur Seite stehen. Zwar vertraut Echtermeyer im Allgemeinen dem Urteil seiner Frau und weist auch seinen Bruder an, sie ruhig ,machen zu lassen‘,[3] trotzdem baut er auf die brüderliche Unterstützung. So solle dieser ein Auge auf seine Frau haben und auf die Versorgung der Familie achten. Nicht weniger als sieben Mal fordert Echtermeyer den Bruder auf darauf zu achten, dass seine Frau „doch was zu Essen behält“.[4] Dies lässt sich größtenteils mit seiner Sorge um die Familie erklären. Aber auch die patriarchalischen Strukturen der damaligen Zeit mögen eine Rolle gespielt haben. Der Mann war und blieb das Familienoberhaupt. Er war derjenige, der die Entscheidungen traf.[5]
![Bocholt 26.5.1916 | Lieber Bruder! Da mir wenig Dienst habe, so will ich dir Worte schreiben, bin noch gut Gesund, und solches auch von Euch alle hoffe. Gestern sind hier wieder welche weggegangen es wurde gesagt nach den Waffen nach. hinter der front, so hieß es gewiß weiß ich es nicht, den das wird nicht bekannt gemacht Wie lange ich hier noch bin weiß ich nicht kann bald, und auch noch länger dauer, das ist gerade wie anderforder werden, es kommen auch öfter wieder neue zu der [...] Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard, vom 26. Mai 1916; erste Seite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/09/Seite-1-190x300.jpg)
![[...] Kompanie, heute sind 12 Mann gekommen, von Land- str Bataillon 19, alle Leute von meinen Alter. Bitte frag, mahl aufs Amt ob meine Frau nicht Urlaubs Gesuch erreichen kann zum Heuen, den es wird Zeit, den wenn ich hier weg bin, ist zu spät das muß von Amt über Tecklen burg, Generalkomando, den unser Hauptm hält nicht von Urlaub, und Feldwebel auch nicht, das muß von Oben kommen, dann müs- sen sie uns gehen lassen, Ihr müßt nur angaben von mitte Juni. Ich Bitte dich reiche sofort mir, in meiner Frau seine Namen, und dann dringen Aufsetzen auf Amt, und dort werden [...] Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard, vom 26. Mai 1916; zweite Seite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/09/Seite-2-190x300.jpg)
![[...] sie auch wissen wo sie es an ein reichen müssen. Meine Frau schrieb ob sie den Bullen in die Weide täte, wenn dir das dünkt so laß sie das nur machen, Ich Bitte hilf Ihr so gut zu recht wie du kannst. Auch von frei- willich. Speck abgeben, das nicht machen, den ich kann hier gutwas gebrauchen. Nun will schießen und hoffe das du bald wieder schreibst, wie es meiner Frau geht, und mit das Urlaub Gesuch ist Herzlich Gruß von B. Heinrich Gruß an kleinen Heinrich Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard, vom 26. Mai 1916; dritte Seite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/09/Seite-3-192x300.jpg)
Anmerkungen und Verweise
[1] Hier und im Folgenden Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866–1918. Bd. 1: Arbeitswelt und Bürgergeist. München 1999 [1990], S. 43.
[2] Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard, Feldpostkarte vom 19. Juli 1916.
[3] Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard, Feldpostbrief vom 26. Mai 1916.
[4] Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard, Feldbostbriefe und –karten vom 7. November 1916, 25. Dezember 1916, 18. Januar 1917, 20. März 1917, 12. April 1917, 26. Januar 1918 und 24. Juli 1918.
[5] Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866–1918. S. 49.
[6] Das Thema Urlaub/Entlassung wird insgesamt 15-mal angesprochen, die Arbeit auf dem Hof wiederum 13-mal. Siehe dazu den Kommentar von Lukas Boch und Michael Boch.
[7] Beispielsweise Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard, Feldpostkarte vom 30. August 1916: „[…] schon Karte und Brief geschickt aber keine Rückantwort ob sie aber gekommen sind.“
[8] Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard, Feldpostbrief vom 1. März 1917.
[9] Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard, Feldpostbrief vom 26. Januar 1917.

![Geschrieben, den 8.6.17 Mein einzig liebes Frauchen! Mein Lieb! Deinen lieben Brief vom 5ten habe ich auch soeben erhalten. Wie ich auch gesehen, geht es Euch noch gut, wie mir auch. Gestern mein Herzchen, sind wir auch wieder umgezogen. Wir sind etwas nach rechts gerückt, das ist eine herum Wanderei, das ist schrecklich. Wenn man sich etwas eingerichtet hat, und man hat einigermaßen ein Dach überm Kopfe, dann heißt es [...] August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 8. Juni 1917; erste Seite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/08/Brief-1-199x300.jpg)
![[...] wieder umziehen, wenn das doch mal bald aufhören würde. Wie ich heute auch in der Zeitung gesehen, haben die Engländer jetzt in Flandern eine Offensive versucht, und schließlich kommen wir da auch noch hin. Wie ich auch aus deinem Briefe gesehen, mußt Du jetzt öfters nach Oßlagen hin, ja mein Liebling es wird dir dann dann ja nicht so langweilig, aber wenn es bei Euch noch so heiß ist, dann ist es ja auch nichts genaues für mein liebes Herzchen. Du schreibst auch mein Lieb, das Auguste Dir auch eine neue Bluse genäht hat, da wird mein Liebling aber wohl fein sein, wenn ich in Urlaub komme. Ach Herzchen könnte ich doch endlich mal fahren, denn es wird mir doch jetzt bald zu langweilig, ach mein Herz, es geht mir auch wie Dir, die Sehnsucht nach Dir mein Liebling und die lieben Kinder ist doch zu groß. Ach mein Lieb wenn ich mal wieder in deinem Schoße schlafen kann. Das ist doch auch zu herrlich, [...] August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 8. Juni 1917; zweite Seite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/08/Brief-2-300x221.jpg)
![[...] nicht wahr? Aber wenn ich gegen den 23ten fahren kann, dann gehen diese vierzehn Tage ja auch noch bald um. Aber wenn man so eine Sehnsucht danach hat, dann ist es doch noch lange. Gestern und heute hat es hier tüchtig geregnet, und es ist auch ziemlich abgekühlt. Sonst meine liebe Seele kann ich Dir heute nicht viel schreiben. Morgen mehr! Und nun liebe Seel verbliebe ich mit viele vielen Herzl Grüßen und Küssen Dein liebes liebes treues Männchen Dein Herzblättchen August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 8. Juni 1917; dritteSeite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/08/Brief-3-186x300.jpg)
![Geschrieben, d 9.12.16 Mein einziger Liebling! Mein Herzchen! Deinen lieben Brief vom 6 habe ich soeben erhalten, und will Dir auch gleich wieder schreiben. Wie ich nun auch aus Deinem Briefchen gesehen, hat sich unser Erich bis jetzt auch noch nicht gebessert. Es ist aber doch gut, das du jetzt zum Doktor gewesen bist, dann weiß man doch ungefähr was e ist. Ich denke aber doch daß es Sich bald etwas bessert, die Haultsache ist wohl, daß er gut in acht genommen wird. Mir mein [...] August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 9. Dezember 1916; erste Seite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/07/Seite-1-196x300.jpg)
![[...] Liebling geht es bis jetzt auch noch gut, nur daß es auch alle Tage wieder so ein schlechtes Wetter ist, Du schreibst dieser Tage auch, daß Du jetzt so viel Glas verkaufst. Ja Herz, da wird es wieder schnell alle sein. Es ist aber doch auch ganz recht, daß Du wieder Kitt bestellt hast, denn ohne dem geht es doch schlecht. Du fragst auch was Du für die zwei Fenster nehmen darfst, die Du da grundiert hast. Mir deucht so 3,20, das doppelte was ich sonst genommen habe, nicht wahr, das ist doch nicht zu viel, für die großen Fenster für Heumann, das weißt Du auch wohl ungefähr, vielleicht so eine Mark. Daß es auch jetzt mehr Unterstützung geben soll, habe ich auch gelesen. Ja Herz, das mag es auch wohl, denn im Winter zieht es in allen Teilen auch viel mehr. Es soll mich auch mal wundern, was wir in diesem Jahr wohl zu Weihnachten bekommen, ob es wohl so viel giebt als voriges Jahr? Noch eine vierzehn Tag, dann ist ja auch schon wieder Weihnachten. Man spricht auch wieder davon, daß wir noch vor Weihnachten hier abgelöst werden [...] August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 9. Dezember 1916; zweite Seite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/07/Seite-2-300x232.jpg)
![[...] sollen, ob es wahr wird? Du mein Liebling schreibst auch Du wollest wieder einreichen um Urlaub, laß es aber vorerst man sein, denn es gient doch keinen, dürfen jetzt auch nur immer sechs Man fahren, wenn das so weiter geht, dann kommen wir überhaupt nicht mehr an die Reihe. Sonst mein Herz wüßte ich Dir auch heute nicht viel zu schreiben, und nun viele viele Herzl Grüße und Küsse von Deinem lieben lieben Mann August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 9. Dezember 1916; dritte Seite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/07/Seite-3-198x300.jpg)
![Geschrieben, den 11.11.16 Mein innigste geliebtes Herzchen Mein Liebling! Es ist heute Samstag und ich will Dir auch wieder ein Briefchen schreiben. Deinen lieben Brief vom 8ten habe ich auch gestern abend erhalten. Wie ich gesehen geht es Euch noch gut, wie mir auch. Das von Mietenkotten in Hoperdorp jetzt auch der vierte Sohn gefallen ist, habe ich auch gesehen. Ja mein Herz, wir furchtbar müssen die doch auch den Krieg fühlen, aber den letzten wenn der auch eingezogen ist, den können Sie doch frei [...] August Jasper an Bernhardine, Brief vom 11. November 1916 (Teil 1)](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/07/Jasper-11.11.1916-A-209x300.jpg)
![[...] bekommen. Seit einigen Tagen ist es hier nun auch wieder schönes Wetter, aber trocken wird es hier doch nicht, den ganzen Winter, der Schlamm wird immer wieder von neuem auf gewühlt, von die schweren Fuhrwerke und Lastautos. Vorletzte Nacht war ich auch wieder nach vorne, essen heraus bringen, der Dreck und Schlamm kam uns bis oben in die Stiefeln. Wir hatten aber doch noch ziemlich Glück, es war schön Mondhell, und auch einiger maßen ruhig um die Zeit. Ich denke auch nicht daß ich vorläufig wieder heraus brauche, wir wechseln uns nämlich immer ab. Verluste haben wir jetzt auch wieder viele, fast jeden Tag, gestern wieder zwei einer tot, und einer beide Arme zerschmettert, und am Arm, ich glaube auch nicht das der am Leben bleibt. Du schreibst auch Mutter wollte nächsten Samstag nach Osnabrück, und Du wolltest Alma ein paar Schuhe mit bringen. Alma wollte auch gern braune Schuhe haben, ja Herz mir ist das einerlei, daß mußt Du am besten wissen, wenn Sie das [...] August Jasper an Bernhardine, Brief vom 11. November 1916 (Teil 2)](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/07/Jasper-11.11.1916-B-300x215.jpg)
![[...] durch aus will. Zu schicken brauchst du mir vor Freitag oder Samstag noch keine Butter, denn ich habe noch ziemliches Stück Butter. Sonst mein Herzchen wüßte ich Dir auch nicht viel zu schreiben. Wie ich auch aus Deinem Brief gesehen, hat im Urlaub ja alles gut gegangen, ja Herz, wenn uns was passiert wäre, das hätte mich auch sicher geärgert, denn es ist doch besser so, nicht wahr mein Liebling? Und nun viele viele Herzl. Grüße und Küsse von deinem, lieben lieben Mann August Jasper an Bernhardine, Brief vom 11. November 1916 (Teil 3)](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/07/Jasper-11.11.1916-c-210x300.jpg)


