Maximilian Wiech
Im Krieg ist der Tod allgegenwärtig. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch August Jasper diesen in seinen Briefen an seine Frau Bernhardine immer wieder thematisiert. So erwähnt er mindestens 273 gefallene Kameraden, Freunde und Verwandte, von deren Tod ihm berichtet wurde oder deren Zeuge er war. Doch wird die tatsächliche Anzahl an Toten, mit denen Jasper sich konfrontiert sah, diese Zahl noch um ein vielfaches überstiegen haben, erwähnt er doch in 35 der 112 Briefe, in denen er über an der Front gefallene Kameraden oder verstorbene Bekannte aus der Heimat schreibt, lediglich eine unbestimmte Anzahl an Verlusten. Von den Verlusten der Gegenseite schreibt Jasper in deutlich weniger Briefen; auch konkrete Zahlen nennt er nicht. Doch um zu verstehen, wie Jasper den Tod in seinen Briefen behandelt, reichen bloße Zahlen allein nicht aus. Es ist vielmehr zu analysieren, wie Jasper die Tode kommuniziert. Dafür ist es ratsam, die Todesfälle in zwei Gruppen aufzuteilen: Dabei umfasst die erste Gruppe die Toten aus Jaspers Kompanie, die zweite hingegen jene aus Jaspers Bekannten- und Freundeskreis.

Bei der überwiegenden Anzahl der Verstorbenen, von denen Jasper in seinen Briefen schreibt, handelt es sich um Mitglieder der ersten Gruppe. Meist widmet ihnen Jasper nur wenige Zeilen, oft auch nur einen kurzen Satz, der mehr einem Einschub gleicht.[1] Lediglich bei besonders schrecklichen oder einprägsamen Fällen berichtet er ausführlicher.[2] Dies meint indes keineswegs, der Tod seiner Kameraden sei ihm nicht nahe gegangen. Zwar schreibt er nur selten, wie sehr ihn deren Tod trifft,[3] doch allein die Tatsache, dass Jasper die Gefallenen nennt, zeigt auf, wie wichtig sie ihm waren. Einige Erwähnungen stechen jedoch heraus – und dies ist stets dann der Fall, wenn ein Familienvater gefallen ist. Als einige Soldaten an Typhus verstarben, schreibt er, sie seien „wie manchen Kindes Vater“ gestorben.[4] Ein anderes Mal berichtet er von einem gefallenen Kameraden und erwähnt dabei explizit Frau und Kinder, die dieser hinterlässt.[5] Da er selbst Vater zweier Kinder ist, erscheint es nicht verwunderlich, dass gerade solche Fälle besondere Erwähnung finden, die seiner Lebenssituation ähnlich sind und die er daher gut nachvollziehen kann. Vermutlich lösen sie bei ihm darüber hinaus auch unterbewusst die Angst aus, selbst sein Leben zu verlieren und wie seine verstorbenen Kameraden die eigene Familie allein zurückzulassen.
Was nun aber in der ersten Gruppe die Ausnahme zu sein scheint, ist in der zweiten die Regel. Wenn es um Freunde und Bekannte aus der Heimat geht, bekundet Jasper deutlich offener seine Trauer um sie. Dies wird bereits an der Zeilenanzahl offenbar, die er den Verstorbenen aus der Heimat in den Briefen widmet.[6] In wenigstens elf Briefen schreibt Jasper ausdrücklich, wie „traurig“ es doch sei, dass die jeweilige Person gestorben ist.[7] Bei seinen Kameraden im Feld indes formuliert er es allein einmal.[8] Aber auch in der zweiten Gruppe geht Jasper besonders auf die Familien der Verstorbenen ein. So erkundigt er sich nach den Kindern,[9] sorgt sich um die Frauen der Verstorbenen, die ihren Mann verloren haben und sich nun allein um ihre Kinder kümmern müssen[10] oder bedauert die Eltern, deren Söhne im Kampf gefallen sind.[11] Einmal bietet er den Eltern eines Bekannten sogar an, sie mit Informationen über ihren gefallenen Sohn zu versorgen.[12] In seinem Schreiben über den Tod seiner Weggefährten wird folglich offenbar, wie familienbezogen August Jasper gewesen ist.[13] Dies zeigt sich auch in seinen Äußerungen, in denen er sich um sein eigenes Leben sorgt als auch um das seiner Frau und Kinder im Falle seines Todes.

Doch warum zeigt er sich seiner Frau gegenüber so wenig betroffen, wenn er über seine verstorbenen Kameraden schreibt? Naheliegend erscheint die Antwort, dass Jasper mit seinen Bekannten aus der Heimat schlichtweg besser vertraut und länger mit ihnen bekannt war, als mit seinen Kameraden im Feld, die er nicht selten erst wenige Monate kannte.[14]
Ein Aspekt ist in dieser kurzen Betrachtung bislang noch außer Acht geblieben. Jasper war Soldat und als Soldat musste auch er töten, auch wenn er den größten Teil seiner Dienstzeit als Bote außerhalb des Grabens verbracht hat. Wie aber hat er dies in seinen Briefen dargestellt? Die Antwort darauf ist eine einfache: Er tat es nicht. In den 733 überlieferten Feldpostbriefen und ‑karten berichtet er nirgendwo von einer solchen Erfahrung. Es finden sich allein zwei Stellen, in denen er etwas in diese Richtung gehendes verlautbart. So schildert er einmal eine Exekution dreier Franzosen, bei der er anwesend war, die er scheinbar ganz unbekümmert aufnahm.[15]


Die zweite Stelle ist noch prägnanter, handelt es sich doch dabei allein um einen einzelnen Satz, in dem er von einem gefangenen Engländer schreibt, den er am liebsten gleich selbst totgeschlagen hätte.[16]
Über den Grund, warum Jasper dieses für einen Soldaten doch so alltägliche Thema weitestgehend aussparte, kann nur gemutmaßt werden. So könnte Jasper sich zum Beispiel nicht direkt mit seinen Taten konfrontiert gesehen haben. Denn das Töten im Ersten Weltkrieg war größtenteils „nichts ,Persönliches‘“ mehr,[17] die meisten Soldaten starben durch Artillerie oder andere Fernkampfwaffen.

Anmerkungen und Verweise
[1] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 24. Juli 1917: „Heute morgen haben wir auch wieder zwei Mann Verlust gehabt, einer tot und einer schwer verwundet.“
[2] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 30. September 1915: „Wie ich dir schon geschrieben ist unser Hauptmann wieder gefallen. Ich war grade neben ihm als er die tötlich Kugel bekam quer durch die Brust. Ich war nämlich Gefechtsordenanz bei Ihm. Ich habe Ihm auch seinen Ring vom Finger gezogen, damit er noch seiner Frau zurück geschickt wird.“
[3] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 3. März. 1915: „Hier bei unserer 1 Kompanie ist vorgestern ein furchtbares Unglück passiert, denn da ist des ganze Handgranatendepot in die Luft geflogen. Neun Pioniere sind dabei in Fetzen auseinander gerissen worden.“
[4] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 20. November 1914.
[5] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 25. November 1916. Auch auffällig ist an dieser Stelle der Gebrauch des Wortes „traurig“, das er sonst nur für die zweite Gruppe gebraucht.
[6] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 13. September 1915. Jasper widmet hier fast einen ganzen Brief dem Tod von Karl Meier.
[7] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 3. Mai 1915, 13. September 1915, 10. Oktober 1915, 4. Juni 1916, 20. Juli 1916, Neujahrsabend 1917, 10. Juni 1917, 24. August 1917, 21. Januar 1918, 25. Juni 1918 und 21. Oktober 1918.
[8] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 25. November 1916.
[9] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 21. Januar 1918.
[10] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 29. November 1914.
[11] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 3. Mai 1915.
[12] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 13. Juli 1917.
[13] Zur Veränderung seiner Rolle als Familienvater im Krieg siehe den Kommentar von Lena Brömmelkamp.
[14] Zur Kameradschaft und ihren unterschiedlichen Ausprägungen bei August Jasper siehe den Kommentar von Christian Senf [Erscheint in Kürze].
[15] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 1. Januar 1915: „Ich stand als sie erschossen wurden vielleicht zehn Schritte davon. Aber da zuckt einem keine Ader mehr.“
[16] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 19. Mai 1915: „Gestern hatten wir gefangenen Engländer hier, am liebsten hätte ich ihn gleich tot geschlagen.“
[17] Georg Wunderle, Seelenleben unter dem Einfluss des Krieges (1914), zitiert nach Bernd Ulrich/Benjamin Ziemann (Hg.), Frontalltag im Ersten Weltkrieg. Ein Historisches Lesebuch. Essen 2008, S. 53.





![Geschrieben, den 8.6.17 Mein einzig liebes Frauchen! Mein Lieb! Deinen lieben Brief vom 5ten habe ich auch soeben erhalten. Wie ich auch gesehen, geht es Euch noch gut, wie mir auch. Gestern mein Herzchen, sind wir auch wieder umgezogen. Wir sind etwas nach rechts gerückt, das ist eine herum Wanderei, das ist schrecklich. Wenn man sich etwas eingerichtet hat, und man hat einigermaßen ein Dach überm Kopfe, dann heißt es [...] August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 8. Juni 1917; erste Seite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/08/Brief-1-199x300.jpg)
![[...] wieder umziehen, wenn das doch mal bald aufhören würde. Wie ich heute auch in der Zeitung gesehen, haben die Engländer jetzt in Flandern eine Offensive versucht, und schließlich kommen wir da auch noch hin. Wie ich auch aus deinem Briefe gesehen, mußt Du jetzt öfters nach Oßlagen hin, ja mein Liebling es wird dir dann dann ja nicht so langweilig, aber wenn es bei Euch noch so heiß ist, dann ist es ja auch nichts genaues für mein liebes Herzchen. Du schreibst auch mein Lieb, das Auguste Dir auch eine neue Bluse genäht hat, da wird mein Liebling aber wohl fein sein, wenn ich in Urlaub komme. Ach Herzchen könnte ich doch endlich mal fahren, denn es wird mir doch jetzt bald zu langweilig, ach mein Herz, es geht mir auch wie Dir, die Sehnsucht nach Dir mein Liebling und die lieben Kinder ist doch zu groß. Ach mein Lieb wenn ich mal wieder in deinem Schoße schlafen kann. Das ist doch auch zu herrlich, [...] August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 8. Juni 1917; zweite Seite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/08/Brief-2-300x221.jpg)
![[...] nicht wahr? Aber wenn ich gegen den 23ten fahren kann, dann gehen diese vierzehn Tage ja auch noch bald um. Aber wenn man so eine Sehnsucht danach hat, dann ist es doch noch lange. Gestern und heute hat es hier tüchtig geregnet, und es ist auch ziemlich abgekühlt. Sonst meine liebe Seele kann ich Dir heute nicht viel schreiben. Morgen mehr! Und nun liebe Seel verbliebe ich mit viele vielen Herzl Grüßen und Küssen Dein liebes liebes treues Männchen Dein Herzblättchen August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 8. Juni 1917; dritteSeite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/08/Brief-3-186x300.jpg)











!["Meine innigst geliebte Frau und Kinder! Mein liebes Herz! Da ich soeben Deinen Brief erhalten habe, will ich Dir auch gleich wiederschreiben. [...] Was wenn der Krieg mal rum ist, dann kommt noch viel ans Tageslicht. Ja Herz, Du schreibst mit recht, da richtige würdet ihr niemals gewahr, denn die Zeitungen schreiben nur die Verluste der Engländer und Franzosen, aber unsere?.... Wenn nun Italien noch anfängt, dann weiß ich nicht, was es werden wird? Nochmals Gruß und Kuß Dein lieber Mann." August Jasper an seine Frau Bernhadine, erste und letzte Seite des Briefes vom 15. Mai 1915.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/08/Jasper_1915_05_15_Seite1-3-240x300.jpg)

![Zweite Seite des Artikels, dazu Jasper im Brief an Bernhadine: "[D]a kannst Du mal sehen, wie es in Deutschland mit die arme Krüppels gemacht wird."](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/08/Jasper_Zeitungsartikel_1918_01_09_Seite2-166x300.jpg)













![Geschrieben, d 9.12.16 Mein einziger Liebling! Mein Herzchen! Deinen lieben Brief vom 6 habe ich soeben erhalten, und will Dir auch gleich wieder schreiben. Wie ich nun auch aus Deinem Briefchen gesehen, hat sich unser Erich bis jetzt auch noch nicht gebessert. Es ist aber doch gut, das du jetzt zum Doktor gewesen bist, dann weiß man doch ungefähr was e ist. Ich denke aber doch daß es Sich bald etwas bessert, die Haultsache ist wohl, daß er gut in acht genommen wird. Mir mein [...] August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 9. Dezember 1916; erste Seite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/07/Seite-1-196x300.jpg)
![[...] Liebling geht es bis jetzt auch noch gut, nur daß es auch alle Tage wieder so ein schlechtes Wetter ist, Du schreibst dieser Tage auch, daß Du jetzt so viel Glas verkaufst. Ja Herz, da wird es wieder schnell alle sein. Es ist aber doch auch ganz recht, daß Du wieder Kitt bestellt hast, denn ohne dem geht es doch schlecht. Du fragst auch was Du für die zwei Fenster nehmen darfst, die Du da grundiert hast. Mir deucht so 3,20, das doppelte was ich sonst genommen habe, nicht wahr, das ist doch nicht zu viel, für die großen Fenster für Heumann, das weißt Du auch wohl ungefähr, vielleicht so eine Mark. Daß es auch jetzt mehr Unterstützung geben soll, habe ich auch gelesen. Ja Herz, das mag es auch wohl, denn im Winter zieht es in allen Teilen auch viel mehr. Es soll mich auch mal wundern, was wir in diesem Jahr wohl zu Weihnachten bekommen, ob es wohl so viel giebt als voriges Jahr? Noch eine vierzehn Tag, dann ist ja auch schon wieder Weihnachten. Man spricht auch wieder davon, daß wir noch vor Weihnachten hier abgelöst werden [...] August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 9. Dezember 1916; zweite Seite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/07/Seite-2-300x232.jpg)
![[...] sollen, ob es wahr wird? Du mein Liebling schreibst auch Du wollest wieder einreichen um Urlaub, laß es aber vorerst man sein, denn es gient doch keinen, dürfen jetzt auch nur immer sechs Man fahren, wenn das so weiter geht, dann kommen wir überhaupt nicht mehr an die Reihe. Sonst mein Herz wüßte ich Dir auch heute nicht viel zu schreiben, und nun viele viele Herzl Grüße und Küsse von Deinem lieben lieben Mann August Jasper an seine Frau Bernhardine, vom 9. Dezember 1916; dritte Seite.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/07/Seite-3-198x300.jpg)







