Niklas Maximilian Schepp
„Wenn Ihr mit die Arbeit Nicht fertig werden könnt, laß ruhig liegen, den je größer der Hunger wird je eher ist alle, b[l]os[s] soviel das Frau und Kinder was zu Essen habt. Sonst laßen sie uns Urlaub geben. Ihr müßt nur sehen wenn ich nicht in Urlaub komme, wie Ihr am leichsten mit der Arbeit fertig werd, und das der Acker nicht ganz verwilder, und alle etwas bestellt wird, den ich habe wenig Spaß davon.“[1]
So schreibt der Landwirt Heinrich Echtermeyer am 20. März 1917 in einem Feldpostbrief von der Front an seinen Bruder. In seinen überlieferten Feldpostsendungen wird fortwährend deutlich, wie sehr er sich um die Bestellung seiner Äcker sowie um die Versorgung seines Viehs sorgt. Schließlich fehlte durch seinen Fronteinsatz eine wichtige Arbeitskraft am Hof. Seine Familie – insbesondere seine Frau – hatte nun den landwirtschaftlichen Betrieb alleine zu führen. Während sich Echtermeyer in seinem Ärger über die Undurchschaubarkeit der politischen Entwicklungen an der Front und in der Heimat auch eine mehr auf das eigene Wohlergehen seiner Familie ausgerichtete Führung des Hofes wünschte, so war ihm zugleich bewusst, wie sehr eine eingeschränkte Bewirtschaftung erhebliche Folgen für ihr Weiterleben haben würde. Schließlich stellte der Hof ihre Lebensgrundlage dar, ohne die sie weder finanziell noch materiell überleben können würden.[2]

Angesichts dessen lässt sich leicht nachvollziehen, weshalb die Bewirtschaftung des Hofes in seinen Feldpostsendungen ein immer wiederkehrendes Thema darstellt. Doch gleichzeitig ist zu fragen, weshalb Heinrich Echtermeyer den Grausamkeiten des Krieges so wenig Raum gab. Denn nur selten erzählt er in seinen Briefen von den Erlebnissen an der Front. Der Erste Weltkrieg, oft auch als „moderner Krieg“ bezeichnet, vermittelte den Soldaten aufgrund neuer Waffentechnologien, der Maschinisierung des Krieges und des Einsatzes chemischer Waffen eine Vielzahl verstörender Eindrücke der Unmenschlichkeit. Heinrich Echtermeyer, erst 1916 in den Landsturm einberufen, vermag sich – obgleich er in Friedenszeiten bereits als Soldat diente – mit dem soldatischen Leben nur schwer zu arrangieren. Wenn überhaupt, so äußert er sich in seinem Schreiben entsetzt und fast schon traurig über die Geschehnisse:
„Ein Krieg ist doch schrecklich für die Mannschaften die da in Felde sind, und die Gegend wo er abgehalten wird, alles verwüstet bleib fast kein Gebäude stehen. Traurig wenn man sieht viel die Bewohner flüchten müßen. Wie mir an kamen in die Gegend von Kowel wovon auch noch welche die geflüchtet waren sieht traurig aus, haben dann nicht keine Unterkunft.“[3]
Offenbar kann Heinrich Echtermeyer nur schwer mit den grausamen Bildern im Kopf umgehen, denn unmittelbar nach dieser Schilderung ordnet er erneut auf dem Hof anfallende Aufgaben an: „Bitte hilf meine Frau so gut zurecht wie du kannst, auch mit den Viehverkaufen, ich glaube der Bulle muß auch bald weg, den die Weiden wurden auch weniger, und das sie was zu Sch[l]achten bekommt.“[4] Es hat den Anschein, als helfe ihm das fortgesetzte Hineindenken in den altbewährten landwirtschaftlichen Alltag über die ihn sichtlich bewegenden Erfahrungen an der Front hinweg zu kommen.

So stehen Hof und Heimat kontinuierlich in seinem Fokus; er hofft bei seiner Rückkehr aus dem Krieg seinen noch bestehenden Hof und seine Familie vorzufinden. Er ist stets um die Kontrolle über den Hofbetrieb bemüht, befasst sich mit den anfallenden Aufgabenverteilungen im landwirtschaftlichen Betrieb. Es wirkt, als würde er auf diese Weise der grausamen Realität des Kriegsalltags entfliehen.[5] Der eigene landwirtschaftliche Betrieb erscheint als ein Rückzugsort, als eine Zuflucht. So beschreibt er, eben ganz Landwirt, in einem Brief – völlig ohne jeglichen erkennbaren Zusammenhang – die Felder an seinem Einsatzort: „Hier ist jetzt trocken, und sehr heiß. Hier ist der Roggen reif wird viel vertreten, und alle mahl nicht geerntet werden […]“[6]
Anmerkungen und Verweise
[1] Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard, Brief vom 20. März 1917.
[2] Zur Sorge und die Angehörigen in der Heimat siehe die Beiträge von Florian Steinfals und Yannick Zohren.
[3] Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard, Feldpostkarte vom 20. August 1916.
[4] Ebd.
[5] Zur Heimat als Sehnsucht- und Fluchtpunkt vor den Schrecken des Krieges siehe den Beitrag von Pascal Pawlitta.
[6] Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard, Brief vom 29. Juli 1916.
!["...das sie Vieh hatt laß sie doch was schlachten, und verkaufen, sorge doch etwas dafür. Nun sch[l]ieße ich und hoffe das Du schreibst was das alle gibt uns das bald Friede wird, und das ich glücklich zurückkomme. Darum zu Gott beten. Es herzlich Dein Bruder Heinrich Auf Fröhliches Baldiges Wiedersehen." Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, letzte Seite des Feldpostbriefes vom 18. Januar 1917.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/07/Echtermeyer_1917_01_18_Seite4-214x300.jpg)

!["Lieber Bruder! […] Heiligen Abend haben wir Kammeraden die wir hier bei der Küche sind, eine Freude gemacht ein Christbaum gemacht und Weihnachts Lieder gesungen erst gut gegessen, und dann den Baum angezündet, dann gesungen und getrunken bis das hohe Weihnachtsfest anbracht […] Nun sch[l]ieße ich, und hoffe du wieder schreibt. Und wünsch es dir mit sa[m]t deiner Frau und Kinder ein fröhliches Seliges Neujahr. Herzlichen Gruß aus Rußland sendet dir dein Bruder Heinrich Auf fröhliches Baldiges Wiedersehen" Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostbrief anlässlich des Weihnachtsfestes 1916 (25. Dezember).](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/07/Echtermeyer_1916_12_25_komplett-500x261.jpg)













![Geschrieben, den 11.11.16 Mein innigste geliebtes Herzchen Mein Liebling! Es ist heute Samstag und ich will Dir auch wieder ein Briefchen schreiben. Deinen lieben Brief vom 8ten habe ich auch gestern abend erhalten. Wie ich gesehen geht es Euch noch gut, wie mir auch. Das von Mietenkotten in Hoperdorp jetzt auch der vierte Sohn gefallen ist, habe ich auch gesehen. Ja mein Herz, wir furchtbar müssen die doch auch den Krieg fühlen, aber den letzten wenn der auch eingezogen ist, den können Sie doch frei [...] August Jasper an Bernhardine, Brief vom 11. November 1916 (Teil 1)](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/07/Jasper-11.11.1916-A-209x300.jpg)
![[...] bekommen. Seit einigen Tagen ist es hier nun auch wieder schönes Wetter, aber trocken wird es hier doch nicht, den ganzen Winter, der Schlamm wird immer wieder von neuem auf gewühlt, von die schweren Fuhrwerke und Lastautos. Vorletzte Nacht war ich auch wieder nach vorne, essen heraus bringen, der Dreck und Schlamm kam uns bis oben in die Stiefeln. Wir hatten aber doch noch ziemlich Glück, es war schön Mondhell, und auch einiger maßen ruhig um die Zeit. Ich denke auch nicht daß ich vorläufig wieder heraus brauche, wir wechseln uns nämlich immer ab. Verluste haben wir jetzt auch wieder viele, fast jeden Tag, gestern wieder zwei einer tot, und einer beide Arme zerschmettert, und am Arm, ich glaube auch nicht das der am Leben bleibt. Du schreibst auch Mutter wollte nächsten Samstag nach Osnabrück, und Du wolltest Alma ein paar Schuhe mit bringen. Alma wollte auch gern braune Schuhe haben, ja Herz mir ist das einerlei, daß mußt Du am besten wissen, wenn Sie das [...] August Jasper an Bernhardine, Brief vom 11. November 1916 (Teil 2)](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/07/Jasper-11.11.1916-B-300x215.jpg)
![[...] durch aus will. Zu schicken brauchst du mir vor Freitag oder Samstag noch keine Butter, denn ich habe noch ziemliches Stück Butter. Sonst mein Herzchen wüßte ich Dir auch nicht viel zu schreiben. Wie ich auch aus Deinem Brief gesehen, hat im Urlaub ja alles gut gegangen, ja Herz, wenn uns was passiert wäre, das hätte mich auch sicher geärgert, denn es ist doch besser so, nicht wahr mein Liebling? Und nun viele viele Herzl. Grüße und Küsse von deinem, lieben lieben Mann August Jasper an Bernhardine, Brief vom 11. November 1916 (Teil 3)](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/07/Jasper-11.11.1916-c-210x300.jpg)









!["Lieber Bruder! Gestern deinen Brief in Gesundheit erhalten, und hoffe das Ihr auch noch alle gut Gesund seit. Hier ist so immer das Nämliche, b[l]os jetzt mehr Regen Wetter. Ich bin jetzt schon 3 Monate in Rußland und bis jetzt die ganze Zeit im Graben. Wir und der Feind sollen wohl so um 1000 Meter aus einander liegen. Wollen hoffen das der Friede nicht mehr weit ist, und das ich glücklich wieder komme. Nun sch[l]ieße ich, in der Hoffnung Duh das schreiben nicht vergißt Es grüß Herzlich d. B. Heinrich" Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostkarte vom 15. Oktober 1916.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/06/Echtermeyer_1916_10_15_Brief-201x300.jpg)

!["Lieber Bruder! Deinen Brief vor paar Tage erhalten in Gesundheit [...] Mit die Friedens Verhandlung, mit den Rußen zieht sich auch noch was in die länge, wollen hoffen das der Friede hier in Osten zustande kommt, und er doch mahl zu Ende geht, der Krieg, man wirds doch auch leid, den Elenden Mist, und Schwindel. Bei Euch mit den abgaben, und nachsehen, wird auch ja immer strenger, aber seit doch nicht so dumm sind doch selbst die Nächsten, und halt doch was Ihr nötig habt, ist doch jetzt ja..." Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, erste Seite des Feldpostbriefs vom 26. Januar 1918.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/06/Echtermeyer_1918_01_26_Seite1-234x300.jpg)














