Kriegsmüdigkeit
Kathrin Schulte
Als Reaktion auf die durch die Dauer und Entbehrungen des Krieges verursachte Kriegsmüdigkeit kam es gegen Ende des Ersten Weltkrieges vielerorts zu soldatischen Aufständen und Desertationen.[2] Mit Kriegsmüdigkeit ist jedoch nicht bloß der desolate Geisteszustand gemeint, der sich bei zahlreichen Soldaten nach Jahren des Grabenkampfes und des Tötens einstellte. Der Begriff umfasst vielmehr auch das sich Sehnen nach einer Rückkehr aus der Fremde in die wohlvertraute Heimat. Auch in den Briefen August Jaspers an seine Frau Bernhardine ist das Motiv der Kriegsmüdigkeit zu finden – und das alles andere als selten: Er formuliert seine Hoffnung auf das Ende des Krieges in mindestens 140 der insgesamt über 400 Briefen.
„Hoffentlich wird ja alles gut gehen, daß wenn der Krieg mal zuende ist wir uns alle wieder sehen“,[3] schreibt Jasper am 2. August 1914 und erwähnt damit das erhoffte Kriegsende bereits in seinem dritten Brief an seine Frau. Er zeigt sich anfangs siegesgewiss, lässt sich von der in Köln greifbaren Begeisterung, wo er sich Anfang August befindet, mitreißen.[4] Das erhoffte Ende des Krieges ist für ihn mit positiven Erwartungen verknüpft. Für das Kriegsgeschehen erwartet er, wie er mehrmals schreibt, eine baldige „Entscheidungsschlacht“,[5] woraus sich nicht zuletzt seine Erwartung einer baldigen Heimkehr speist. Doch schon nach wenigen Monaten an der Front äußert sich Jasper weniger optimistisch: „Aber es wird dann auf unserer Seite noch viel Blut kosten […]. Ach wenn der Krieg doch einmal zu Ende wäre, ich glaube das ist der einzige Wunsche eines jeden hier draußen.“[6]

Aufschrift auf der Rückseite: “Ehrenfriedhof des Inftr. Reg. 16 und 3, Komp. Pion Batt. 7, Douvrin”
Ähnliche Aussagen finden sich bis zum Ende des Krieges fortwährend in seinen Briefen. Allerdings lassen sich drei Phasen ausmachen, in denen er das erhoffte Ende des Krieges über längere Strecken nicht erwähnt: Ende November 1915 bis Mitte April 1916, Mitte Dezember 1916 bis Ende Januar 1917 und Mitte August bis Anfang Oktober 1917. Er ist während dieser Episoden oft unterwegs, wechselt wiederholt seinen Standort oder ist aktiv in das Kriegsgeschehen eingebunden. Zwar schreibt er seiner Frau einige Male von der Sehnsucht, die er nach ihr verspürt, doch bestärkt diese nicht seine Hoffnung auf das Ende des Krieges. Eine mögliche Erklärung für das Ausbleiben dieser sonst so oft formulierten Hoffnung könnte die ständige Abwechslung im Tagesablauf, aber auch das Einstellen auf veränderte Umstände und die ständige Beschäftigung sein.

In den meisten Fällen hält Jasper seinen Wunsch nach Frieden in fast flehentlich vorgetragenen Hoffnungen fest: „Wenn der elende Krieg nur zu Ende wäre mein Herz“.[7] Diese Wortkombination wird in seinem Schreiben – in leichter Variation – nahezu zu einer festen Redewendung. Einige Male ergänzt er noch Gott, in dessen Hände er seine Hoffnung auf das Kriegsende legt,[8] oder ersetzt den Begriff „Krieg“ durch „Morden“.[9] Zunehmend nimmt er die Grausamkeit des Krieges in den Blick, vergleicht die Geschehnisse mit der Hölle.[10] „Es ist ja auch schließlich ganz egal, ob wir den Krieg gewinnen oder verlieren“,[11] schreibt Jasper im Februar 1917. Seine anfängliche Begeisterung und Siegesgewissheit sind der alleinigen Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges gewichen.

Zu Beginn des Jahres 1918 erreicht sein Wunsch nach einem Ende des Krieges eine neue Dimension: eine politische. An dieser Stelle wandelt sich seine Hoffnung auf ein Kriegsende in Kriegsmüdigkeit, die im Zusammenhang mit dem Ende des Ersten Weltkrieges oftmals diskutiert wird.[12] Jasper erscheint nun regelrecht politisiert, erkennt die Schuld für die bestehende Misere der Soldaten im „deutsche[n] Michel“, der „wohl seinen Hals wieder nicht voll kriegen“ kann,[13] in den „Großkapitalisten“, „die Ihre Geldsäcke immer noch mehr füllen können“,[14] der „Vaterlandspartei (richtig gesagt Kriegsverlängerungspartei)“[15] und dem „Lumpenvolk in Deutschland“, das „den Hals nicht voll kriegen kann“.[16] Nun ist es nicht mehr Gott, der den Frieden stiften kann, sondern sind es die Arbeiter:
„Es ist doch schade, dass sich die Arbeiter nicht richtig einig sind, und haben alle die Arbeit nieder gelegt. Denn wenn alles mal drei bis vier Wochen streikt, dann wäre gewiß Schluß. […] [W]enn wir auf diese Art kein Schluß bekommen, dann geht der Krieg noch lange weiter.“[17]
Zwar wächst vor allem während der Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel 1917/18 die Hoffnung auf ein baldiges Ende der bestehenden Situation – so wünscht sich Jasper, „daß es der Letzte Weihnachten hier im Felde ist“.[18] Doch trotz dieser Hoffnung ändert sich die Einstellung des anfangs siegesgewissen August Jaspers vor allem im Laufe des Jahres 1918. Seine Briefe sind besonders von antikapitalistischem Gedankengut geprägt, da er dem Kapitalismus die Schuld an dem Fortdauern des Krieges gibt. Dieses Feindbild scheint auch verantwortlich für den Wechsel des dauerhaft präsenten Wunsches nach einem Ende des Krieges zu einer politisch begründeten Kriegsmüdigkeit.
Anmerkungen und Verweise
[1] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 14. April 1917.
[2] Benjamin Ziemann, „Enttäuschte Erwartung und kollektive Erschöpfung. Die deutschen Soldaten an der Westfront 1918 auf dem Weg zur Revolution“, in: Jörg Druppler/Gerhard P. Groß (Hg.), Kriegsende 1918. Ereignis, Wirkung, Nachwirkung. München 1999, S. 165–182, hier S. 168f.
[3] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 2. August 1917.
[4] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 2. August 1914: „Die Begeisterung in Köln ist ganz riesig einfach unbeschreiblich. Jung und Alt eilt zu den Fahnen alles freiwillig. Hoffentlich wird es bei Euch auch so sein, denn wir müssen alles aufbieten, was in unseren Kräften steht, an Gut und Blut.“ Siehe dazu auch den Kommentar von Dimitrij Schaf.
[5] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 13. September 1914, 18. und 22. Oktober 1914.
[6] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 10. Januar 1915.
[7] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 10. Dezember 1916.
[8] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 9. April 1917 und weitere Briefe.
[9] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 14. April 1917 und weitere Briefe.
[10] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 24. August 1916: „Wie es hier zu geht, darüber kann ich Dir nicht viel schreiben, denn dafür habe ich keine Worte, aber schlimmer als hier kann es in der Hölle nicht sein.“
[11] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 8. Februar 1917.
[12] Zur Diskussion siehe Jörg Druppler/Gerhard P. Groß (Hg.), Kriegsende 1918. Ereignis, Wirkung, Nachwirkung. München 1999; Arnd Bauerkämper/Elise Julien (Hg.), Durchhalten! Krieg und Gesellschaft im Vergleich 1914–1918. Göttingen 2011.
[13] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 7. Januar 1918.
[14] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 20. Mai 1917.
[15] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 26. Februar 1918. Siehe dazu die Kommentare von Lisa Peters und Katharina Schunck.
[16] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 16. Juli 1918.
[17] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 1. Februar 1918.
[18] August Jasper an Bernhardine Jasper, vom 25. Dezember 1917.









!["Meine innigst geliebte Frau und Kinder! Mein liebes Herz! Da ich soeben Deinen Brief erhalten habe, will ich Dir auch gleich wiederschreiben. [...] Was wenn der Krieg mal rum ist, dann kommt noch viel ans Tageslicht. Ja Herz, Du schreibst mit recht, da richtige würdet ihr niemals gewahr, denn die Zeitungen schreiben nur die Verluste der Engländer und Franzosen, aber unsere?.... Wenn nun Italien noch anfängt, dann weiß ich nicht, was es werden wird? Nochmals Gruß und Kuß Dein lieber Mann." August Jasper an seine Frau Bernhadine, erste und letzte Seite des Briefes vom 15. Mai 1915.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/08/Jasper_1915_05_15_Seite1-3-240x300.jpg)

![Zweite Seite des Artikels, dazu Jasper im Brief an Bernhadine: "[D]a kannst Du mal sehen, wie es in Deutschland mit die arme Krüppels gemacht wird."](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/08/Jasper_Zeitungsartikel_1918_01_09_Seite2-166x300.jpg)

!["...das sie Vieh hatt laß sie doch was schlachten, und verkaufen, sorge doch etwas dafür. Nun sch[l]ieße ich und hoffe das Du schreibst was das alle gibt uns das bald Friede wird, und das ich glücklich zurückkomme. Darum zu Gott beten. Es herzlich Dein Bruder Heinrich Auf Fröhliches Baldiges Wiedersehen." Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, letzte Seite des Feldpostbriefes vom 18. Januar 1917.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/07/Echtermeyer_1917_01_18_Seite4-214x300.jpg)

!["Lieber Bruder! […] Heiligen Abend haben wir Kammeraden die wir hier bei der Küche sind, eine Freude gemacht ein Christbaum gemacht und Weihnachts Lieder gesungen erst gut gegessen, und dann den Baum angezündet, dann gesungen und getrunken bis das hohe Weihnachtsfest anbracht […] Nun sch[l]ieße ich, und hoffe du wieder schreibt. Und wünsch es dir mit sa[m]t deiner Frau und Kinder ein fröhliches Seliges Neujahr. Herzlichen Gruß aus Rußland sendet dir dein Bruder Heinrich Auf fröhliches Baldiges Wiedersehen" Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostbrief anlässlich des Weihnachtsfestes 1916 (25. Dezember).](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/07/Echtermeyer_1916_12_25_komplett-500x261.jpg)






!["Lieber Bruder! Gestern deinen Brief in Gesundheit erhalten, und hoffe das Ihr auch noch alle gut Gesund seit. Hier ist so immer das Nämliche, b[l]os jetzt mehr Regen Wetter. Ich bin jetzt schon 3 Monate in Rußland und bis jetzt die ganze Zeit im Graben. Wir und der Feind sollen wohl so um 1000 Meter aus einander liegen. Wollen hoffen das der Friede nicht mehr weit ist, und das ich glücklich wieder komme. Nun sch[l]ieße ich, in der Hoffnung Duh das schreiben nicht vergißt Es grüß Herzlich d. B. Heinrich" Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostkarte vom 15. Oktober 1916.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/06/Echtermeyer_1916_10_15_Brief-201x300.jpg)

!["Lieber Bruder! Deinen Brief vor paar Tage erhalten in Gesundheit [...] Mit die Friedens Verhandlung, mit den Rußen zieht sich auch noch was in die länge, wollen hoffen das der Friede hier in Osten zustande kommt, und er doch mahl zu Ende geht, der Krieg, man wirds doch auch leid, den Elenden Mist, und Schwindel. Bei Euch mit den abgaben, und nachsehen, wird auch ja immer strenger, aber seit doch nicht so dumm sind doch selbst die Nächsten, und halt doch was Ihr nötig habt, ist doch jetzt ja..." Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, erste Seite des Feldpostbriefs vom 26. Januar 1918.](http://feldpost.hypotheses.org/files/2015/06/Echtermeyer_1918_01_26_Seite1-234x300.jpg)







